Aids-Hilfe schlägt Alarm – Mühlacker Tagblatt 26.08.2016

Renate Thon, erste Vorsitzende (v. li.), die zweite Vorsitzende Iris Augenstein, Claudia Jancura, Leiterin der Beratungsstelle, und Jörg Klinger blicken in eine ungewisse Zukunft der Aids-Hilfe. Foto: Recken
Renate Thon, erste Vorsitzende (v. li.), die zweite Vorsitzende Iris Augenstein, Claudia Jancura, Leiterin
der Beratungsstelle, und Jörg Klinger blicken in eine ungewisse Zukunft der Aids-Hilfe. Foto: Recken

Verein in Sorge: Stadt Pforzheim will das Budget der Einrichtung trotz vieler Neuinfektionen um 25 Prozent kürzen

Obwohl sich immer mehr Menschen mit dem HI-Virus infizieren, will die Stadt Pforzheim der Aids-Hilfe die finanziellen Mittel um 25 Prozent kürzen. Dadurch droht der Einrichtung das Aus

PFORZHEIM. Immer mehr Menschen infizieren sich mit HIV. Das Robert-Koch-Institut hat zum Ende des Jahres 2014 deutschlandweit 3200 Neuinfektionen dokumentiert und spricht von einer anhaltend hohen Zahl von Menschen, die sich jährlich neu mit dem Virus anstecken. Ein Trend, den auch die Aids-Hilfe Pforzheim bestätigen kann.

„Diese Zahlen sind besorgniserregend. Vor allem weil unter den Neuinfizierten immer mehr Jugendliche sind“, bewertet Iris Augenstein, die zweite Vorsitzende der Aids-Hilfe Pforzheim, die Entwicklung. „Wahrscheinlich ist das Thema HIV und Aids in den Köpfen der Jugendlichen nicht mehr präsent“, sucht die Vorsitzende Renate Thon Gründe.

Die nüchternen Zahlensind die eine Seite, die Einzelschicksale, die sich hinter den Zahlen verbergen, die andere. Die AidsHilfe Pforzheim hilft Betroffenen mit eingehender und langfristiger Beratung und klärt im Rahmen einer intensiven Präventionsarbeit an Schulen und anderen Einrichtungen über die Krankheit und ihre
Folgen auf. Dabei wird auch mit manchem hartnäckigen Vorurteil aufgeräumt, das
sich in den Köpfen festgesetzt hat. Beispielsweise, dass sich HIV durch Küssen
übertragen könne.

Außerdem gibt es bei der Einrichtung jeden Freitagabend die Möglichkeit, sich für zwölf Euro auf HIV und auf weitere sexuell übertragbare Krankheiten testen zu lassen. „Wir sind eine Fachstelle für sexuelle Gesundheit“, betonen die Mitarbeiter. Da seien auch Leiden wie beispielsweise Chlamydien, Tripper oder Syphilis ein Thema. „Auch diese Krankheiten sind auf dem Vormarsch.“

Gerade jetzt, wo ein hoher Aufklärungs- und Beratungsbedarf in Sachen HIV besteht, treffen die Kürzungen der Stadt Pforzheim die dortige Aids-Hilfe besonders. Um 11 250 Euro hat die Verwaltung den Zuschuss an die Einrichtung verringert. Das entspricht 25 Prozent des bisherigen Zuschusses. Bis Ende 2018 könne der Verein das laufende Angebot trotz der finanziellen Zuschusseinbuße noch aufrechterhalten – finanziert durch Privatspenden und Gelder des Fördervereins. Dann droht das Aus. „Mittelfristig können wir nicht mit Spenden in dieser Höhe rechnen“, betonen die Verantwortlichen. Die Folge wäre die Streichung einer Stelle ab 2019 und damit das Ende der Arbeit in der bisherigen Form.

Derzeit sind bei der Aids-Hilfe drei hauptamtliche Mitarbeiter, eine Verwaltungskraft und zwei Sozialarbeiter beschäftigt. Einer davon ist Jörg Klinger, der Claudia Jancura, die die Beratungsstelle leitet, unterstützt. Neben Begleitung, Beratung und Prävention gehört die Betreuung der Infizierten in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim zu den Aufgaben Klingers. Unterstützt wird das Team der Hauptamtlichen durch 19 Ehrenamtliche.

Ehrenamtliche halten die Einrichtung mit am Leben

„Ohne die Unterstützung der Ehrenamtlichen wäre das Angebot nicht aufrechtzuerhalten“, betonen die beiden Vorsitzenden. Erst durch die Freiwilligen könne die Bevölkerung aufgeklärt werden, beispielsweise durch Plakataktionen oder Infostände und Veranstaltungen. Ebenfalls sei diese Form der Unterstützung für das Angebot anonymer Tests von Bedeutung.

Würden die Kürzungen so durchgesetzt, könne langfristig nur am Personal gespart
werden. „Eine Stelle muss dann gestrichen werden“, rechnen die Verantwortlichen
der Pforzheimer AIDS-Hilfe vor. Das gefährde nicht nur die Existenz der Beratungsstelle, sondern wäre auch ein Schlag gegen das Ehrenamt.

Erschienen im Mühlacker Tagblatt, verfasst von Maren Recken, Photo Maren Recken